Kaffeekult oder Konsumwahnsinn? Die Philosophie der French Press

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Kaffeekult oder Konsumwahnsinn? Die Philosophie der French Press
Eigenes Foto

Die French Press ist für mich der Inbegriff eines perfekten Kaffeegenusses am Morgen, der hilft, wach zu werden. Das morgendliche Kaffeetrinken ist für mich weit mehr als nur bloße Koffeinaufnahme – es ist ein fast schon religiöses Ritual, um in den Tag zu starten. Ich liebe den Kaffee aus der French Press. Damit wäre dieser Blogartikel eigentlich schon fertig. Jetzt ist ja die spannende Frage, wie man diesen Artikel weiter ausbauen kann, nicht wahr? Das ist der zugrunde liegende Gag, warum ich diesen Text überhaupt schreibe.

Philosophie in der Kaffeemaschine

Einen Artikel über die Kaffeemaschine schreiben – wie viel Philosophie steckt denn eigentlich dahinter? Probieren wir mal, den großen Brückenschlag hinzubekommen. Die Kaffeebohne wird zermahlen, irgendwie kommt heißes Wasser drauf, und chemisch gesehen haben wir die Filtration und Extraktion in umgekehrter Reihenfolge – bitte sehr – und genießen einen frisch aufgebrühten Kaffee am Morgen, um wach zu werden. Darin alleine steckt ja schon sehr viel Sinnlosigkeit.

Warum, um Himmels willen, schlafen wir nicht einfach so lange, bis wir von alleine wach werden? Kein Tier dieser Erde hat einen Wecker. Der Mensch, als höchste Errungenschaft (nach eigenen Angaben), sieht sich als Königsklasse der Schöpfung, als das Wesen schlechthin, das den Planeten Erde beherrscht. Na, Wahnsinn! Dieses sensationell komische Wesen braucht einen Wecker, damit es sein Tagewerk rechtzeitig starten kann. Mit dem Wecker alleine ist es aber für viele nicht getan. Es braucht noch einen kleinen chemischen Kick am Morgen, einen zärtlichen Tritt in den Hintern, damit das Gehirn und der Rest des Körpers den Tag irgendwie überleben.

Kaffeekultur und bewusster Genuss

Nicht nur der Kaffee am Morgen, sondern bitte auch – natürlich unter kulturellen Zwängen – der Kaffee über den Tag verteilt. Möge er im Büro in Strömen fließen und im Alter die Zeit zwischen Mittagessen und Abendbrot überbrücken; ansonsten wüsste man ja gar nicht, was man in diesen sechs Stunden machen sollte. Zelebrieren wir das Kaffeetrinken. Mit Milch und Zucker für die Dünnen, aber doch bitte nicht für die Dicken – maximal ein Tröpfchen. Oder doch bitte schwarz – wie lecker doch ein Bittergetränk sein kann! Und bilden wir uns ein, dass wir damit wirklich schwungvoll nach vorne gehen.

Und nun kommen wir zur Religion der Kaffeemaschine: Bitte frisch gemahlen, weil sonst die Aromastoffe aus der Bohne flöten gehen. Na Mensch, behaupten wir doch einfach mal, dass 99 Prozent der Schlürfer am Tassenrand den Unterschied zwischen frisch gemahlenen Bohnen und industriell abgepacktem Kaffeepulver mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht herausschmecken würden. Mild, frisch oder absolut verröstet – gute Frage. Da gehst du einmal in eine richtige Kaffeerösterei, bestellst deinen Kaffee und reklamierst das Ding, weil es schmeckt wie Waschwasser. Der Kellner kommt dann und sagt zu dir: „Ey du, das ist richtiger Kaffee. Das, was du zu Hause säufst, ist der vergorene oder verbrannte Mist von Bohnen, die im normalen Supermarkt serviert werden.“ Etwas verblödet guckst du ihn an und lässt dich erst mal aufklären, was da eigentlich passiert.

Eine Kaffeebohne, so der Herr Barista, darf gar nicht so lange geröstet werden. Diese schön dunkel verfärbten Bohnen sind ja eigentlich verkohlt. Na prima, denkt man sich da gleich. Als Thüringer denkt man an den Holzkohlegrill und daran, dass man eigentlich das Steak oben drauf isst und nicht die Holzkohle unten drunter. Ist das so? Fragt man dann noch mal ganz ketzerisch nach, weil man sich ja nicht auskennt und als Amateur im Kaffeeladen doch etwas dumm aus der Wäsche guckt. Nun ja, sagt der Experte, deswegen schmeckt dieser Kaffee nicht ganz so intensiv. Aber schmecken Sie doch mal rein – ganz ohne Milch und ohne Zucker.

Zucker nehme ich sowieso nicht, also wird der Kaffee nur ganz verdünnt wahrgenommen. Ein kleiner Schuss Milch darf dann aber doch noch sein. Nach der dritten Tasse bin ich überzeugt, nun zum echten Connaisseur herangewachsen zu sein, merke abends im Bett aber, dass das Koffein so richtig reinknallt, und mache die Nacht gleich mal komplett durch.

Die Qual der Wahl beim Kaffee

Zurück zur heimischen Kaffeemaschine: Welche darf es denn sein? Bitte ein Vollautomat für 1.200 Euro. Das Ding macht am Ende zwar auch nichts anderes als Kaffee, aber allein das Gefühl... Je nach Hersteller tippst du dich durch 26 verschiedene Kaffeesorten. Ach nee, warte mal, das waren ja Zubereitungsarten! Aber was hat da bitte heißes Wasser zu suchen? Ach so, die wollen die Randgruppe der Teetrinker nicht außen vor lassen. Bitte Antidiskriminierung an der Kaffeemaschine – so viel philosophischer Anreiz darf dann doch sein. Dann haben wir Cappuccino, Espresso, Milchkaffee, normalen Kaffee, Café Latte, Café Lungo, Café kurz. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Café kurz und Espresso? 

Ein richtiges Latte-Macchiato-Glas habe ich nicht. Und bei dem einen gehört erst Milch und dann Kaffee rein, beim anderen erst Kaffee und dann Milch, damit sich die Schichten besser absetzen. Ach, du grüne Neune. Dann servierst du so ein Kunstwerk jemandem, der prompt den Löffel nimmt und alles umrührt. Soll man sich da nicht eigentlich schichtweise durcharbeiten? Ich habe keine Ahnung. Und nicht zu vergessen: Das klassische Herzchen im Milchschaum muss ja dann auch noch sein. Wenn du das nicht kannst, brauchst du gar keinen Kaffee zu trinken und bist überhaupt kein Kenner.

Morgens haben wir für diesen Zauber eh keine Zeit. Also: ran an die Maschine, durch die Knöpfchen wühlen, draufdrücken. Es beginnt eine Geräuschkulisse wie bei einer professionellen Nasennebenhöhlenreinigung, und direkt danach meldet das Display: „Achtung, noch 30 Bezüge bis zur Entkalkung.“

Sofort fragt man sich: Meint die Maschine jetzt mich mit meinen monatlichen Verdienstbezügen oder sich selbst? 30 Bezüge noch – das wäre ziemlich früh für die Rente und die Entkalkung des eigenen Gehirns. Nach 29 Tassen dann die ernüchternde Erkenntnis: Ja, stimmt, mich hat sie nicht gemeint. Schade. Also brav die Maschine entkalken. Bitte nur mit teurem Spezialentkalker, weil sonst die Leitungen verstopfen – schöne Grüße aus dem Chemieunterricht, Stichwort unlösliche Ausfällungen. Das verträgt das zarte Maschinchen schließlich nicht, denn es hat ja immerhin 1.200 Euro gekostet. Man muss das hektische Arbeitsleben schließlich irgendwie durchziehen, um das teure Gerät überhaupt zu finanzieren. Wie viel Kaffee man für 1.200 Euro schlicht hätte trinken können, lassen wir bei dieser Rechnung lieber außen vor.

Während ich also meine French Press mit Pulver und Wasser befülle, geht mir dieser Text durch den Kopf. Meine Güte, wie viel Philosophie steckt da eigentlich dahinter? Am Ende ist es die French Press, die diesen ganzen Zirkus wortlos zusammenfasst und sagt: Eigentlich wollen wir doch alle nur Kaffee trinken.

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