Stroh im Kopf: Warum Vera F. Birkenbihl für Lehrer Pflicht ist

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Stroh im Kopf: Warum Vera F. Birkenbihl für Lehrer Pflicht ist
Eigenes Foto

Wer kennt sie nicht? Vera F. Birkenbihl. Eine, sagen wir es mal so, spezielle Frau. Zumindest das, was ich kennengelernt habe. Persönlich kennengelernt habe ich sie leider nie, obwohl ich das gerne gemacht hätte. Ich bin vor 20 Jahren eher zufällig über sie gestolpert. Damals ging es um Trainings und Coaches und die Frage, wie ich das entsprechend aufbauen kann. Ich habe sie gesehen und war sofort fasziniert von ihr: Vera F. Birkenbihl. Das Buch „Stroh im Kopf?“ kann man einfach nur empfehlen. Alleine der Untertitel: Vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer. Aber hält das Buch auch, was es verspricht? Wenn ich mal kurz vorausgreifen darf: Ja.

Das Buch ist nicht einfach nur eine Zusammenreihung von irgendwelchen schwachsinnigen Dingen, bei denen man sich fragen müsste: Wo hat sie das jetzt wieder her, wo hat sie das abgeschrieben? Gibt es überhaupt irgendetwas, was daran neu ist, oder ist das einfach nur ein Zusammenschreibsel von Dingen, die man irgendwo mal gehört hat? Das Schöne bei Vera F. Birkenbihl ist, dass sie sich wirklich – und davon darf man ausgehen – in die verschiedenen Literaturstücke eingearbeitet hat, die sie auch im Anhang benennt. Sie wühlt sich durch die Bücher durch, und manche munkeln ja, sie habe angeblich ein Buch pro Tag gelesen. Was ich auch nicht ganz glaube, aber immerhin ist sie eine, die wirklich irre intensiv an diesen ganzen Themen gearbeitet hat.

Methodik und die Praxis des gehirn-gerechten Lernens

„Stroh im Kopf?“ – Vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer ist ein Buch, das einem nicht einfach zum Lesen in den Schoß fällt. Dieses Buch muss man bearbeiten. Im ersten Teil fängt sie an und bearbeitet verschiedene Methodiken oder Erkenntnisse, zum Beispiel das Thema Flow. Woher kommt Flow? Was ist das für ein Begriff? Was bedeutet das überhaupt? Dann haben wir die KAWA und die KAGA. Ja, was ist das jetzt wieder? Bei KAWA handelt es sich um ein Akronym für Kreative-Ausbeute-Wort-Assoziation. Etwas, was Birkenbihl stark geprägt hat, und mit diesen Dingen arbeitet sie auch. Deswegen sind auf ihren Büchern eben diese ganzen analogen Worte mit drauf und deswegen hat sie so viel Wissen aufbauen können. Sie ist ja dafür da, dass sie sagt: Okay, wie baue ich denn Wissen auf?

Für mich am faszinierendsten war bis jetzt das ganze Thema mit dem Wissensnetz. Haben wir ein Gedächtnis wie ein Netz? Nach meinem Kenntnisstand kann man das sogar neurobiologisch richtig nachweisen. Ein Taxifahrer-Gehirn sieht tatsächlich anders aus als das Gehirn eines Lehrers. Tatsächlich bilden sich extrem viele neue Netze im Gehirn, wenn man bestimmte Punkte lernt. Jetzt kommt die spannende Frage: Wie lernt man überhaupt? Wie schafft man es, dass das Gehirn das ganze Wissen, das man dort aufbauen möchte, auch speichert? Wie schafft man es, dass Wissen nicht verloren geht, sondern dass die Murmel sich an bestimmte Dinge erinnern kann? Das ist der entscheidende Punkt. Wie schafft man es, abrufbares Wissen zu speichern?

Sie zeigt auf, dass es um das Verhalten geht, dass man unterscheiden können muss zwischen Wissen und Können. Und sie zeigt klipp und klar, wie man das macht. Ihr Fokus ist dabei immer: gehirn-gerechte Basis. Vielen ist sie ja durch das Sprachenlernen nach Birkenbihl bekannt. Meines Erachtens ist dieses Buch einfach vollgestopft mit so vielen Methoden und Erkenntnissen, dass es einen fast erschlägt. Ist es leicht zu lesen? Auf der einen Seite ganz bestimmt. Aber man muss mit erhobenem Zeigefinger sagen: Es ist kein Lesebuch im eigentlichen Sinne. Natürlich kann man das Buch durchlesen und sich inspirieren lassen, das mag sein. Aber es ist ein Buch, das einlädt, die Dinge mitzumachen. Das ist letzten Endes ein Seminar, zusammengepresst in über 300 Seiten geballtes Wissen. Und das macht dieses Buch so einzigartig.

Ein zeitloser Klassiker im pädagogischen Kontext

Birkenbihl hat hier einen absoluten Klassiker geschaffen, einen Longseller, der genial ist. Das Spannende bei ihr ist außerdem, dass sie am Ende Beiträge gepostet hat, wo Externe ihr Fragen gestellt haben, die sie beantwortet hat. Diese Frage-Antwort-Spiele finden sich hinten wieder und man hat das Gefühl, wirklich in einem Interview mit Birkenbihl zu sitzen. Das ist ziemlich genial. Leider ist sie viel zu früh verstorben, man hätte noch vieles von ihr lernen können. Aktuell wird sie ja gerne kontrovers diskutiert. Dabei erhebe ich immer den Zeigefinger und sage: Moment, Stopp! Es geht dabei nicht um eine wissenschaftliche Grosexpertise, sondern darum, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuwenden. Zum Teil funktionieren sie, zum Teil nicht. Manche Begründungen waren nach damaligem Wissensstand richtig. Heute, 26 Jahre später, wissen wir bestimmte Dinge natürlich besser. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass dieses Buch, das ich aktuell in der 36. Auflage habe, ein absoluter Verkaufsschlager ist. Wer sich mit dem Thema Bildung, Weiterbildung und eigenem Lernen beschäftigt, kommt aus meiner Sicht an diesem Buch überhaupt nicht vorbei.

Aus meiner Sicht also eine ganz klare Empfehlung. „Stroh im Kopf?“ ist ein Buch, das immer wieder einlädt, darin nachzuschlagen und sich Impulse für das tägliche Leben zu holen. Denn sind wir mal ehrlich: Wir als Lehrer sind irgendwo in einem System drin und geben logischerweise unser Bestes. Nicht umsonst machen wir diesen Job. Aber neben den administrativen Dingen, den organisatorischen Punkten und dem operativen Geschäft, dem man als Lehrer nachgehen muss, braucht es eine strategische Komponente und ein stetiges Weiterbilden. Da sind die Bücher von Birkenbihl Gold wert. Sie liefern ständig neue Impulse, wie man etwas umsetzen kann.

Das Thema mit dem Wissensnetz behandle ich regelmäßig mit Schülern und die nicken bedächtig. Denn eines ist klar: Wenn wir in der Schule von Sachen reden, die die Schüler gar nicht kennen, wie sollen sie die dann verstehen? Wir können über Thermodynamik reden, über Verdichter und Kompressoren. Das ist für Schüler dermaßen abstrakt und nicht greifbar, dass sie damit überhaupt nichts anfangen können. Reden wir jedoch über einen Kühlschrank, sind chemische und physikalische Prozesse dann doch relativ leicht erklärt, denn jeder weiß, was ein Kühlschrank macht: Er kühlt Sachen runter. Aber wieso? Wie funktioniert das? Das ist für Schüler eine andere Hausnummer.

Ich selbst werde mir das Buch auch dieses Jahr wieder in Teilen zu Gemüte führen. Ganz durchgearbeitet habe ich es schon einmal, jetzt werde ich mir gezielt Dinge raussuchen, um die Frage zu klären: Wie kann ich den abstrakten Lehrplan in einen Stoffverteilungsplan umsetzen, der an das Wissensnetz der Schüler von heute anknüpft? Wir dürfen unsere Schüler nicht mit TikTok oder Instagram geißeln und sie deswegen nicht richtig ansprechen. Wir müssen die Schüler dort abholen, wo sie sind – die sind nun mal an einer anderen Position als wir damals. Dahingehend muss ich die Schule neu aufstellen. Machen wir also weiter. Schauen wir mal, welche Impulse man mitnehmen kann. Ich werde mit Sicherheit an der einen oder anderen Stelle darüber schreiben, wie ich bestimmte Punkte gehirn-gerecht im Lehrplan umgesetzt habe. Aber alleine dieser Gedanke dahinter, es gehirn-gerecht umzusetzen, ist wichtig. Nur wenn man an das bestehende Wissen anknüpft, können Kinder in der Schule etwas lernen. Wenn wir abstrakt irgendetwas in den Äther setzen, was die Kinder überhaupt nicht verstehen, können sie damit nichts anfangen. Deswegen zählt für mich „Stroh im Kopf?“ zu einer wirklichen Pflichtlektüre.

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