J.R.R. Tolkien und die Kunst des Worldbuildings

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Ein alter Schreibtisch mit handgeschriebenen Manuskripten, einer Feder und einer antiken Karte im Hintergrund.
KI-generiert

Ich höre auf der Baustelle gerade „Der Herr der Ringe“, gelesen von Achim Höppner. Der arme Mann ist ja leider schon mit 60 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben. Das habe ich mit zutiefster Bestürzung gelesen. Ich war immer noch der Meinung, dass er lebt. Irgendwie bestürzt es mich dann doch, wenn man mitbekommt, dass Menschen, die man selbst nur durch Hörbücher oder Stimmen im Fernsehen kennt, nicht mehr unter uns weilen.

Wie dem auch sei: Die Gefährten vom „Herrn der Ringe“ konnte Achim Höppner noch einsprechen. Die anderen beiden Bände wurden von Gert Heidenreich eingesprochen. J.R.R. Tolkien hat es geschafft, ein wirklich fulminantes Werk auf die Beine zu stellen, aber ist dem auch so? Wenn wir uns das Buch noch einmal unter die Lupe nehmen, stellt sich die Frage, ob solch ein Buch überhaupt in der heutigen Zeit einen durchschlagenden Erfolg hätte. Ich möchte orakeln, dass so ein Buch heutzutage eher nicht von Erfolg gekrönt wäre.

Tolkien und der Pioniergeist im Worldbuilding

Tolkien hat den großen Hype um den „Herrn der Ringe“ wohl selber gar nicht mehr mitbekommen, denn erst zehn Jahre nach Erscheinen des Buches wurde es als Taschenbuch veröffentlicht, und dann muss die Geschichte durch die Decke gegangen sein. Das hat den Hintergrund, dass der „Herr der Ringe“ die mystischen Wesen, die es vorher ja auch schon gab – es gab vorher schon Elben, es gab vorher schon Zwerge –, genommen und in ein komplett anderes Setting gepackt hat.

Was Tolkien ganz anders gemacht hat, ist das World Building. Ich musste mir das auch erst einmal erklären lassen: Was ist eigentlich dieses großartige Vermächtnis, das Tolkien da hinterlassen hat? Das ist ohne Zweifel das World Building. Vorher wurden Zwerge zum Beispiel in einen Märchenwald verpflanzt, daneben gab es ein Märchenschloss, dann gab es die Story und fertig. Aber wirklich darin wandeln oder darum umherlaufen musste man nicht. Bei Tolkien können wir durch das Auenland wandern, wir lernen die verschiedensten Typen und Hobbits kennen.

Wir wissen um ihre Kultur und ihre – und das ist das ganz Spannende – lange Geschichte. Tolkien hat eine unglaubliche Geschichte vor der eigentlichen Geschichte entworfen.

Historische Tiefe und die Herausforderung des Lesers

Das Schmieden der Ringe, das Silmarillion, die Entwicklung von Sauron. Selbst eine Welt vor Sauron hat er schon entworfen gehabt, und wir erleben einen kleinen Ausblick. Aber selbst beim Lesen oder, in meinem Fall, beim Hören des Buches kriegt man immer noch mit, auf welche langjährige Tradition und Geschichte wir zurückblicken, wenn wir den Herrn der Ringe erfahren. Wirklich spannend. Heute macht man so etwas eher nicht: Wenn man seitenlange Beschreibungen einer Geschichte hat und langwierige Ausflüge in die Historie vor der eigentlichen Story, dann wird es zuweilen langweilig.

Die Filme von 2001 von Jackson zeigen es ja noch einmal ganz anders, und das ist das Spannende, dass bestimmte Aspekte, die im Buch erzählt werden – zum Beispiel die Erlebnisse von Gandalf bei Saruman –, schon ganz anders dargestellt sind als das, was man in der Geschichte selbst beim Lesen erleben würde. Das Hörbuch „Die Gefährten“ beim Herrn der Ringe beginnt 35 Minuten lang ausschließlich mit der Beschreibung der Welt der Hobbits, was schon ziemlich verwunderlich ist. Wenn wir das normalerweise bei einem gewöhnlichen Buch machen würden und hätten ein Kapitel lang seitenweise nur Beschreibungen einer Welt, würden wir das Buch normalerweise gelangweilt zur Seite legen und gähnen, wann denn endlich mal die Story beginnt.

Aber man muss fairerweise dazu sagen: „Die Gefährten“ hat bereits ein Buch voraus, nämlich den „Hobbit“. Und der „Hobbit“ beginnt sofort mit der Geschichte. Da gibt es wenig World Building. Nein, wir erleben die Welt von Bilbo Beutlin, und damit haben wir das World Building klassischerweise, so wie wir es aus dem modernen Fantasy-Roman kennen, in die Handlung eingeschlossen. Tolkien kann es sich also erlauben, bei „Die Gefährten“ seitenlange Beschreibungen der Welt vorzunehmen und uns erst noch einmal tief und lange in die Welt des Herrn der Ringe mitzunehmen.

Das Erbe der Archetypen

Ich würde den Herrn der Ringe nicht unbedingt als kurzweilige Literatur bezeichnen, zumal wenn man von Autoren wie Stephen King oder selbst Joe Abercrombie oder Wolfgang Hohlbein geprägt ist. Er zählt aber definitiv zu den Klassikern, denn Herr Tolkien war einer der Ersten, die es geschafft haben, eine Welt aufzubauen, die komplett konträr zu dem ist, was wir aus der klassischen Märchenwelt kennen. Allerdings hat er uns damit auch einen Laster auferlegt.

Wenn wir heute von Elben sprechen, denken viele Menschen sofort an menschenähnliche Gestalten in tollen Gewändern und mit spitzen Ohren. Kinder, die den Herrn der Ringe noch nicht kennen, denken vielleicht an kleine, süße Wesen, die niedlich umherflattern. Bei Zwergen denken wir eventuell noch an Gartenzwerge oder kleine Männchen, die unter Pilzen wohnen. Aber sobald man den Herrn der Ringe verinnerlicht hat, haben wir sofort die langbärtigen, stämmigen kleinen Wesen im Kopf, die mit schwingender Axt und kriegerisch rau durch die Welt ziehen.

Moderne Wege in der Fantasy-Literatur

Dahingehend ist es auch Joe Abercrombie zu verdanken, dass man eben auch mal keinen strahlenden Helden entwirft, sondern den sogenannten Antihelden – was ziemlich spannend ist. Wenn wir heute Fantasy-Romane schreiben wollen – und ich selbst möchte das auch –, müssen wir davon Abstand nehmen und einen Kontrapunkt setzen. Wimmernde Zwerge zum Beispiel wären eine Idee: Zwerge, die man nur auslachen kann, anstatt sie als Herrscher der Berge und Krieger zu sehen, denen man in jede Schlacht folgen kann. Das ist das schwierige Los in der heutigen Fantasy-Literatur, aber es ist machbar, wie Joe Abercrombie mit seinen Geschichten wunderbar bewiesen hat.

Häufig gestellte Fragen

Warum ist Tolkiens Worldbuilding so besonders?

Tolkien schuf nicht nur eine Handlung, sondern eine gesamte Historie mit eigener Kultur und Vorgeschichte, die weit über das im Buch Erzählte hinausreicht.

Warum sind detaillierte Weltbeschreibungen heute schwierig?

Moderne Leser bevorzugen oft ein schnelleres Erzähltempo; lange historische Exkurse zu Beginn eines Romans wirken heute häufig eher langatmig und bremsend.

Wie kann moderne Fantasy aus Tolkiens Schatten treten?

Durch das bewusste Brechen von Archetypen, etwa durch die Einführung von Antihelden oder konträre Charakterdarstellungen, schaffen moderne Autoren frische Impulse im Genre.

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