Romanplanung mit Scrivener: Mein System für Übersicht und Struktur
Scrivener ist ein fantastisches Schreibtool. Das Spannende ist, dass man die Planung des Plots wunderbar direkt darin durchführen kann. Da wäre zum Beispiel die Frage: Wann erfolgt welche Handlung? Bei meinem aktuellen Roman „Annabell“ ist mir aufgefallen, dass meine Handlungsfolge beziehungsweise die Zeiträume zwischen einzelnen Szenen nicht logisch waren. Eine Szene sollte zu Silvester spielen, aber das Problem war, dass die dafür entscheidende Handlung viel zu weit vorgelagert war, nämlich bereits im November. Der entsprechende Handlungsstrang hatte sich also schon im November niedergeschlagen. Dementsprechend musste der Plot so angepasst werden, dass die Entscheidung für die Szene zu Silvester auch wirklich auf den 31.12. fällt. Das ist logischerweise enorm wichtig.
Struktur und Spannungsbogen für komplexe Plots
Neben diesen Handlungssträngen kann man in Scrivener auch die einzelnen Subplots darstellen. Ich meine damit, dass man neben dem Haupthandlungsstrang eben auch die Nebenstränge einpflegen kann, damit man weiß, welches Ereignis an welcher Stelle eintritt. So lassen sich Handlungs- und Spannungsbögen auch für die Nebencharaktere wunderbar und übersichtlich darstellen. Ich persönlich bin ja einer von den Schreibern, die ein grobes Handlungskonzept zwar im Hinterkopf haben, dann aber nicht einfach wild drauflosschreiben können oder wollen. Das hat einfach damit zu tun, dass sich die Geschichte bei mir sonst schnell in eine Richtung entwickelt, in der ich sie gar nicht haben will beziehungsweise irgendwann selbst nicht mehr richtig verstehe. Dementsprechend brauche ich, ganz navigationslastig, einen Startpunkt und irgendwo einen Endpunkt. Das betrifft eben auch diesen 7- oder 8-Punkte-Plan, den ich an anderer Stelle noch einmal näher erläutern möchte.
Bei „Annabell“ habe ich diesen Mehr-Punkte-Plan als verschiedene Kapitel mit Unterpunkten angelegt. Damit weiß ich, beinahe wie mit einem Navigationssystem, genau, wo ich mich gerade im Roman befinde. Von der Einführung, dem Hook, geht es letztlich bis zur Resolution, dem Endergebnis. Beide müssen in einem deutlichen Kontrast zueinander stehen, entweder auf der Ebene der Handlung oder der Charakterentwicklung, je nachdem, was für eine Art Roman man schreiben möchte. Zwischen beiden Punkten befindet sich der Midpoint, also der Mittelpunkt der Geschichte, an dem sich die Dynamik der Handlung verändert. Dazwischen liegen verschiedene Pinch Points beziehungsweise Plot Turns, die letztlich auf die Resolution hinarbeiten. Unterhalb dieser Struktur kann man verschiedene Karteikarten anlegen, wobei jede Karteikarte für sich eine kurze Beschreibung dessen enthalten kann, was dort genau passiert. Damit schafft man eine Riesenübersicht darüber, wie der Roman aufgebaut sein soll. Für mich als Outliner, wie wir so liebevoll genannt werden, ist das sehr hilfreich.
Kreativität durch Planung
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das für mich trotzdem nicht bedeutet, dass ich keine spannende Geschichte mehr habe oder dass der Entwicklungsprozess für mich als Outliner nicht mehr aufregend ist. Es bleibt spannend, denn ich weiß ja nicht, wie die ganzen einzelnen Details aussehen. Das Entwickeln der Szenen – wie sie geschrieben und umgesetzt werden müssen – ist nach wie vor total aufregend. Beim aktuellen Roman hat sich zum Beispiel das schlussendliche Ziel immer wieder verschoben. Bei einer Urlaubsplanung würde man sagen: Ja, du hast das Ziel, in Frankreich Urlaub zu machen, und du möchtest an die Côte d’Azur. Aber ob du jetzt in Fréjus, Cannes, Toulon oder Hyères landest, ist noch nicht so richtig klar. Da gibt es zwar ein paar Ideen, aber wir sind gerade in Antibes und, hm, vielleicht fahren wir doch noch einmal nach Aix-en-Provence. So ungefähr ist das aktuelle Niveau meiner Planung.
Charaktere und Recherche im Blick behalten
Besonders gut gefällt mir, dass ich zu dem jeweiligen Projekt auch die Personen abbilden kann. Ich habe es mir nicht nehmen lassen, für die einzelnen Charaktere einen Lebenslauf anzufertigen, damit ich weiß, wer wann was gemacht hat. Zu den Personen gibt es Bilder, damit ich genau weiß, wie derjenige aussieht. Das finde ich besonders interessant, vor allem wenn man Menschen beschreiben oder ihnen einen gewissen Charakter einhauchen möchte. Dann sieht man ganz konkret: Okay, derjenige macht das, derjenige macht jenes. Ich finde das unglaublich interessant. Meine „Annabell“ habe ich zum Beispiel einmal in eine KI eingegeben und sie gebeten, ein fotorealistisches Bild zu erstellen. Zum Teil sieht das zwar etwas, sagen wir, sehr gekünstelt aus, aber am Ende ist es mir wichtig, ein richtiges Bild vor Augen zu haben, um die Person besser zu verstehen. Wie der Leser diese Figur am Ende vor seinem inneren Auge sieht, sei mal dahingestellt.
Jedenfalls gibt es auch die Möglichkeit, Orte abzubilden und verschiedene Recherchepunkte aufzunehmen. Nehmen wir zum Beispiel den Arbeitsort von Jessica, die im Roman eine tragende Rolle spielt. Ich war selbst noch nie in Barcelona, bin dann einfach einmal mit Google Maps durch die Stadt gelaufen und habe mir etwas ausgesucht, wo man ihr Büro platzieren könnte. Wie sieht es dort aus? Sie soll ja aus dem Büro einen Blick auf das Meer haben. Die ganzen Screenshots kann man in Scrivener ablegen – das ist ziemlich genial. Für mich ist und bleibt Scrivener eine sehr schöne Schreibwerkstatt, ein klasse Programm, um einen Roman zu entwickeln.
Professionelles Projektmanagement
Das Spannende ist nebenbei auch, dass man sich Projektziele setzen kann. Zum Beispiel: Der Roman soll 120.000 Wörter haben. Aktuell zeigt Scrivener bei mir 84.839 Wörter an, wobei ich weiß, dass 30 bis 40 Prozent davon mit Sicherheit noch in die Tonne wandern werden – Stichwort: Show, don't tell. Es gibt auch eine Schreibhistorie: Seit wann arbeitet man am Roman? Wie lange gibt es ihn schon? Wie hat er sich entwickelt? Man kann solche Sachen logischerweise auch in OneNote machen und dort mitentwickeln, das geht genauso gut. Mit Microsoft-Bordmitteln würde das vollkommen ausreichen. Aber in Scrivener hat das Ganze noch einmal einen etwas anderen, professionelleren Touch. Für mich gibt es deshalb eine klare Empfehlung: Der Kauf dieses Programms lohnt sich auf jeden Fall.