Es gibt einige Menschen im Leben, die einen prägen. In einem anderen Artikel hatte ich bereits über Armin Maiwald gesprochen oder über Gert Heidenreich als Sprecher. Diesen Artikel möchte ich jedoch Vera F. Birkenbihl widmen.

Aktuell gerät sie bei manchen Menschen in den sozialen Medien unter Druck. Ich will damit sagen: Sie steht bei dem einen oder anderen in einem gewissen Misskredit. Dabei darf man nicht vergessen, zu welcher Zeit Birkenbihl gelebt und gearbeitet hat.

Heute wird manchmal gesagt, einige ihrer Aussagen seien falsch gewesen. Mit Sicherheit hätte sie manche Dinge später auch wieder revidiert – so wie sie es in ihren Vorträgen ohnehin getan hat, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorlagen.

Natürlich waren ihre Veröffentlichungen keine streng akademischen, hochgradig wissenschaftlichen Arbeiten. Vielmehr handelte es sich um populärwissenschaftliche Aufbereitungen, die komplexe Themen für ein breites Publikum verständlich gemacht haben.

Ist daran etwas falsch? Aus meiner Sicht nicht.

Sie hat vielen Menschen geholfen, sich überhaupt erst mit Lernen, Wissen und Denken auseinanderzusetzen. Und nicht wenige ihrer Gedanken wurden später durch wissenschaftliche Forschung bestätigt.

Das markanteste Beispiel aus meiner Sicht ist ihr Ansatz zum Sprachenlernen.

Ich habe das damals selbst ausprobiert – mit Spanisch. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt kein einziges Wort Spanisch. Also begann ich, nach der Methode von Birkenbihl zu lernen und hörte mir „Harry Potter“ auf Spanisch an.

Am Anfang verstand ich überhaupt nichts. Der Sprecher klang für mich wie ein einziger Strom aus Lauten. Doch bereits nach wenigen Tagen änderte sich etwas. Ich verstand plötzlich, was gesagt wurde. Ich verstand den Sprecher, ich verstand die einzelnen Wörter – auch wenn ich sie selbst noch nicht sprechen konnte.

Und genau das passt zu Birkenbihls Erklärung: Zuerst lernt man eine Sprache zu verstehen, bevor man sie selbst aktiv sprechen kann. Dabei werden unterschiedliche Bereiche im Gehirn angesprochen. Ich konnte also verstehen, was der Spanier im Hörbuch sagte – aber ich konnte es selbst noch nicht aussprechen. Das ist auch völlig logisch. Nach einiger Zeit funktionierte auch die Aussprache besser.

Ich will damit sagen: Nicht alles, was Birkenbihl gesagt hat, war falsch oder überholt. Natürlich entwickelt sich Wissen ständig weiter. Was wir heute wissen, kann morgen schon wieder korrigiert werden.

Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um das sogenannte „Lächelprinzip“ – also die Frage, ob man durch bewusstes Lächeln das eigene emotionale System beeinflussen kann. Kann ein Lächeln tatsächlich Glückshormone auslösen und damit die eigene Stimmung verändern?

Über solche Fragen wird bis heute diskutiert.

Bei aller Kritik an überholtem Wissen sollte man ihr dennoch zugestehen, dass viele ihrer Gedanken weiterhin eine gewisse Relevanz besitzen – etwa beim Thema Wahrnehmung, Wahrnehmungsfilter oder beim Verständnis von Lernprozessen.

Wer sich intensiver mit Birkenbihl beschäftigt, stößt zwangsläufig auf diese Themen.

Leider ist sie viel zu früh verstorben.

Man kann sich fragen: Wie viele Lehrerinnen und Lehrer hat sie geprägt? Wie viele Menschen hat sie dazu gebracht, über Lernen neu nachzudenken? Sie hat keine fertigen Rezepte geliefert. Was sie vielmehr getan hat, war, Impulse zu setzen: Wie kann Wissen vermittelt werden? Wie kann man Schülerinnen und Schüler wirklich erreichen?

Diese Gedanken finden sich heute in vielen didaktischen Konzepten wieder – auch in der Ausbildung von Referendaren. Wissen wird dann besonders greifbar, wenn mehrere Sinne beteiligt sind. Erst dann wird Lernen wirklich verständlich.

Man kann über Tennis reden – oder man spielt selbst Tennis. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wenn ich selbst eine Regel verletze, verstehe ich plötzlich auch, warum es diese Regel gibt. Dann ist Wissen nicht mehr nur abstrakt, sondern praktisch erfahrbar. Gerade Schülerinnen und Schüler, die ein geringeres Abstraktionsvermögen haben, profitieren davon enorm. Dann braucht man die anderen Sinne, um Dinge begreifbar zu machen.

Dafür gibt es Experimente – im Chemieunterricht, im Physikunterricht oder auch in der Biologie. Viele dieser Dinge macht man zu Hause kaum. Auch ich habe in meiner Schulzeit nur selten privat mikroskopiert oder physikalische Experimente durchgeführt. Dafür war die Schule da.

Ich persönlich habe Birkenbihl sehr viel zu verdanken. Unter anderem den Impuls, mich immer weiter mit Wissen zu beschäftigen.

Auch diese Webseite ist letztlich ein Ausdruck davon.

Sie dient mir unter anderem als eine Art Zettelkasten – ein Ort, an dem ich Gedanken sammle, ordne und weiterentwickle. Wenn Birkenbihl noch leben würde, würde ich mit Sicherheit versuchen, einmal ein Seminar bei ihr zu besuchen. Einfach um sie zu erleben. Denn eines muss man ihr lassen: Sie hatte eine ganz eigene Art zu erklären.

Wer sie noch erleben möchte, kann heute zum Glück viele ihrer Vorträge auf YouTube finden.

Und selbst wenn ein Teil ihres Wissens heute überholt sein sollte – ihre Persönlichkeit und ihre Art zu denken bleiben dennoch beeindruckend.

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